"St. Jago - Musik und Bilder zu Kleist" von Dieter Schnebel

Das Kernstück des 1989 in Hamburg uraufgeführten Musiktheaters „St. Jago“ bildet die Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ von Heinrich von Kleist. Dennoch ist „St. Jago“ eher ein Stück über den Dichter, also ein szenisches Stück über Kleist: Heinrich von Kleist wird heute als Dichter der Wende vom Weltbild der deutschen Klassik zur Gegenwart bezeichnet. In seinen Werken wie in seinem Leben finden wir diejenige Irritation, den mentalen Schwebezustand, die den Menschen nach dem Verlust des Vertrauens auf ein universales Sinnkonzept erfassen.

Der Komponist Dieter Schnebel stellt in seinem Werk „St. Jago“ den Menschen, Dichter und Metaphysiker Kleist in ein komplexes theatralisches Geschehen. Kleists verzweifeltes Verlangen, Gottesferne und menschliche Verlorenheit zu überwinden und mittels der Kunst endlich Anmut und Grazie – die Zeichen der Vollkommenheit vor dem „Sündenfall“ - zurück zu gewinnen, wird in „St. Jago“ kongenial vorgeführt: Das Werk beginnt mit Kleists Ende, lässt den Betrachter teilhaben am haltlosen Fallen dieses zutiefst Unglücklichen und Einsamen, dessen Bemühungen um eine freie Dichter-Existenz restlos scheiterten und der das „allerqualvollste Leben“ nun mit einem Tod von „unaussprechlicher Heiterkeit“ durch Selbstmord auszutauschen im Begriffe ist.

Über die Katastrophe des Dichters führt der dramaturgische Weg sodann in die Novelle „Das Erdbeben in Chili“, welche vom Schicksal zweier zum Tode verurteilter Liebender, Jeronimo und Josephe, erzählt. Vor dem Hintergrund eines furchtbaren Erdbebens, das die Stadt St. Jago 1647 verwüstete, vollzieht sich deren Geschick, das paradoxer nicht sein kann! Den verurteilten Liebenden wird Dank des Erdbebens ein Entkommen in die Freiheit ermöglicht, wo sie sich tatsächlich wieder finden. In der trügerischen Idylle wieder gewonnenen Glücks verkennen sie aber die Wirklichkeit. Das paradieshafte Tal einer wundersam geretteten und harmonischen Menschengemeinschaft weicht dem höllischen Ort einer Kirche inmitten der zerstörten Stadt und dessen „fanatischer Mordknechte“, welche das Paar nebst Begleiter Hass erfüllt ergreifen und ihr Blut buchstäblich über dem geweihten Ort verströmen. Lediglich Philippe, der kleine Sohn des Paares, überlebt.

Das tenebrose Ende der Novelle freilich wird bei Schnebel verknüpft mit einer „Neuanfang: rückwärts ins Paradies“ überschriebenen Szene, die ein Fragment aus Kleists „Über das Marionettentheater“ zitiert: „Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es von hinten irgendwo offen ist.“

In „St. Jago“ gibt es mehrere Handlungs- und Bildebenen, die parallel verlaufen und als vertikale Schichtung zu verstehen sind. Während die Ebene der Sprachverläufe die Novelle im Ganzen von Anfang bis Ende ausführt, stehen die Ebenen der Bildprozesse und Bilder, die Schnebel auch anderen Werken Heinrich von Kleists entnommen hat, in assoziativem Bezug zur Ebene der Novelle. Durch die vertikale Anordnung scheinbar disparater Bildebenen wird ein verfremdender Blick in die Gedankenwelt Kleists offenbar. Der Betrachter kann seinerseits in diesen parallelen ästhetischen Ebenen wandeln und deren Zuordnung für sich bestimmen.

„St. Jago“ ist ein Werk, in dem sich strenger Formwille und Freiheitsdrang spielerisch und ästhetisch begegnen. Es ist geradezu prädestiniert für eine Anwendung neuer szenischer Ausdrucksmöglichkeiten!

Cornelia Heger